Paula Modersohn-Becker.

Rainer Maria Rilke




Personen um und mit Rainer Maria Rilke.


8. Februar 1876
 
Paula Modersohn-Becker
Paula Modersohn-Becker
* 8. Februar 1876 in Dresden-Friedrichstadt als Paula Becker; 

† 20. November 1907 in Worpswede,

war eine deutsche Malerin und eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus. In den knapp vierzehn Jahren, in denen sie künstlerisch tätig war, schuf sie 750 Gemälde, etwa 1000 Zeichnungen und 13 Radierungen, die die bedeutendsten Aspekte der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in sich vereinen.



Paula Modersohn-Becker : Biografie bei Wikiwand

Paula Modersohn Becker

Der Lebensweg von Paula Becker ist hinreichend bekannt.



Stationen.

Stationen wie Dresden, Bremen, London, wieder Bremen, Berlin, Worpswede. Paris, Studienzwecke in Paris, dann, Worpswede die Künstlerkolonie, die Verlobungszeit mit Otto Modersohn, gerade in die Verlobungszeit fällt auch die Bekanntschaft mit Rainer Maria Rilke



Er hatte sich 1898 mit Heinrich Vogeler während dessen Florenz-Aufenthaltes angefreundet und kam nun als Gast Vogelers zu Besuch nach Worpswede. 



Bei Modersohn kehrte in derselben Zeit Carl Hauptmann, der Bruder von Gerhart Hauptmann ein.  Abends traf man sich regelmäßig auf dem Barkenhoff, den das Ehepaar Vogeler bewohnte. 

Clara Westhoff und Paula Becker erschienen Rilke wie Schwestern. 

In seinen Tagebüchern nannte er die beiden Freundinnen die blonde Malerin und die Dunkle, um die immer Handlung, Bewegung und Erzählung war. 



Beiden Frauen war er eng verbunden, waren Freundinnen.

Während er in Clara Westhoff – die er wenig später heiratete – jedoch sehr stark auch die Künstlerin sah, erlebte er Paula Becker vor allem als ernste Freundin und widmete ihr ein Gedicht, das später in seinem Buch der Bilder erscheinen sollte.  Paula Beckers warmherzige Ausstrahlung, ihr stiller Ernst, ihre Klugheit und innere Freiheit beeindrucken Rainer Maria Rilke und regen ihn zu neuen Gedichten an: 



„Du blasses Kind, an jedem Abend soll der Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen.“


Das ganze Gedicht:
 
Der Sänger singt vor einem Fürstenkind
Dem Andenken von Paula Becker-Modersohn.
 
Du blasses Kind, an jedem Abend soll 
der Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen 
und soll dir Sagen, die im Blute klingen, 
über die Brücke seiner Stimme bringen 
und eine Harfe, seiner Hände voll.
 
Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzählt, 
gehoben ist es wie aus Wandgeweben; 
solche Gestalten hat es nie gegeben, – 
und Niegewesenes nennt er das Leben. 
Und heute hat er diesen Sang erwählt:
 
Du blondes Kind von Fürsten und aus Frauen, 
die einsam warteten im weißen Saal, – 
fast alle waren bang, dich aufzubauen, 
um aus den Bildern einst auf dich zu schauen: 
auf deine Augen mit den ernsten Brauen, 
auf deine Hände, hell und schmal.
 
Du hast von ihnen Perlen und Türkisen 
von diesen Frauen, die in Bildern stehn 
als stünden sie allein in Abendwiesen, – 
du hast von ihnen Perlen und Türkisen, – 
und Ringe mit verdunkelten Devisen, 
und Seiden, welche welke Düfte wehn.
 
Du trägst die Gemmen ihrer Gürtelbänder 
ans hohe Fenster in den Glanz der Stunden, 
und in die Seide sanfter Brautgewänder 
sind deine kleinen Bücher eingebunden, 
und drinnen hast du, mächtig über Länder, 
ganz groß geschrieben und mit reichen, runden 
Buchstaben deinen Namen vorgefunden.
 
Und alles ist, als war es schon geschehn.
 
Sie haben so, als ob du nicht mehr kämst, 
an alle Becher ihren Mund gesetzt, 
zu allen Freuden ihr Gefühl gehetzt 
und keinem Leide leidlos zugesehn; 
so daß du jetzt 
stehst und dich schämst.
 
… Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines, – 
der Sänger kommt dir sagen, daß du bist. 
Und daß du mehr bist als ein Traum des Haines, 
mehr als die Seligkeit des Sonnenscheines, 
den mancher graue Tag vergißt. 
Dein Leben ist so unaussprechlich deines, 
weil es von vielen überladen ist.
 
Empfindest du, wie die Vergangenheiten 
leicht werden, wenn du eine Weile lebst, 
wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten, 
jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten, – 
und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten 
für eine Geste, die du schön erhebst. –
 
Das ist der Sinn von allem, was einst war, 
daß es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere, 
daß es zu unserm Wesen wiederkehre, 
in uns verwoben, tief und wunderbar: 
So waren diese Frauen elfenbeinern, 
von vielen Rosen rötlich angeschienen, 
so dunkelten die müden Königsmienen, 
so wurden fahle Fürstenmunde steinern 
und unbewegt von Waisen und von Weinern, 
so klangen Knaben an wie Violinen 
und starben für der Frauen schweres Haar; 
so gingen Jungfraun der Madonna dienen, 
denen die Welt verworren war. 
So wurden Lauten laut und Mandolinen, 
in die ein Unbekannter größer griff, – 
in warmen Samt verlief der Dolche Schliff, – 
Schicksale bauten sich aus Glück und Glauben, 
Abschiede schluchzten auf in Abendlauben, – 
und über hundert schwarzen Eisenhauben 
schwankte die Feldschlacht wie ein Schiff. 
So wurden Städte langsam groß und fielen 
in sich zurück wie Wellen eines Meeres, 
so drängte sich zu hochbelohnten Zielen 
die rasche Vogelkraft des Eisenspeeres, 
so schmückten Kinder sich zu Gartenspielen, – 
und so geschah Unwichtiges und Schweres 
nur, um für dieses tägliche Erleben 
dir tausend große Gleichnisse zu geben, 
an denen du gewaltig wachsen kannst.
 
Vergangenheiten sind dir eingepflanzt, 
um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.
 
Du blasses Kind, du machst den Sänger reich 
mit deinem Schicksal, das sich singen läßt: 
so spiegelt sich ein großes Gartenfest 
mit vielen Lichtern im erstaunten Teich. 
Im dunklen Dichter wiederholt sich still 
ein jedes Ding: ein Stern, ein Haus, ein Wald. 
Und viele Dinge, die er feiern will, 
umstehen deine rührende Gestalt.
 
Rainer Maria Rilke
Das Buch der Bilder.




Und Paula?

Paula Modersohne Becker sehnen war immer Paris, die Stadt der Liebe, Leben, Leichtigkeit, Menschen … schon im jahre 1902 schreibt Otto Modersohn in seinem Tagebuch:

„Mit Paula heute morgen über Paris gesprochen, es ist doch eine fabelhafte Stadt, 
wie überreich, Überraschungen, Anregung bietend, wie keine Stadt sonst. […] 
In das dicke Blut der Deutschen müßte immer von Zeit zu Zeit von dem lebendigen, temperamentvollen Wesen der Franzosen etwas eingeführt werden. Wie gut wäre das allen Worpswedern. […] Ich gehe mit Paula sicher nochmal nach Paris. –“
 
Das Ehepaar, Paula Becker und Otto Modersohn.
Paris hin und her, es Krieselt, Paula war trotz Heirat doch nicht so zufrieden mit ihrem Dasein,

vor allem ihrem künstlerischen Dasein. Paula geht wieder zuerst aber alleine nach Paris, das Leben ruft.

Selbstbildnis Paula Modersohn-Becker.

Weiter im Zeitstrahl Paula Modersohn-Becker.

Ehekrise bei den Modersohns, Von Scheidung war da die Rede, 

Paula zurück in Paris, um sich ganz ihrer Kunst zu widmen, das wollte Paula.



Es kam anders, wie oft. Der Traum von Paris wird aufgegeben.

Paula versöhnte sich mit ihrem Mann, kehrt mit ihm zusammen wieder nach Worpswede zurück.

Otto Modersohn brauchte die Stille, die Zurückgezogenheit und Ruhe Worpswedes um sich künstlerisch entfalten zu können.



Schwangerschaft Paulas, ihr Wunsch nach einem Kind wird erfüllt.

Nach einer schwierigen Geburt bringt sie ihre Tochter Mathilde „Tille“ zur Welt.

Alles schien gut zu werden, die vom Arzt verordnete Bettruhe durfte ausgesetzt werden, eine darauf einsetzende Embolie machte ihrem jungen Leben ein Ende.
Im Alter von nur 31 Jahren verstarb Paula Moderson Becker am 20. November 1907 in Worpswede.



Wie schade !, 

so überlieferte Otto Modersohn, seien ihre letzten Worte gewesen.


Zitat.
„Es ist nicht auszudenken, was noch alles entstanden wäre, wenn sie noch länger gelebt hätte. Sie träumte in den letzten Monaten viel von Italien, das sie nie gesehen, von Akten im Freien, von großfigurigen Bildern. Man kann nur ahnen, was sie der Welt noch geschenkt hätte.“
 
Aus: Otto Modersohn: Ein Buch der Freundschaft, 1932
 

Bilder und Links zu Paula Moderson-Becker.



Bilder bei Zeno

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Paula Moderson Becker Museum

Paula Moderson Becker

Paula Moderson Becker Stiftung


Rainer Maria Rilkes  
Requiem für Paula Modersohn Becker
 
Für eine Freundin.
Geschrieben am 31. Oktober, 1. und 2. November 1908 in Paris
 
Ich habe Tote, und ich ließ sie hin 
und war erstaunt, sie so getrost zu sehn, 
so rasch zuhaus im Totsein, so gerecht, 
so anders als ihr Ruf. Nur du, du kehrst 
zurück; du streifst mich, du gehst um, du willst 
an etwas stoßen, dass es klingt von dir 
und dich verrät. O nimm mir nicht, was ich 
langsam erlern. Ich habe recht; du irrst 
wenn du gerührt zu irgend einem Ding 
ein Heimweh hast. Wir wandeln dieses um; 
es ist nicht hier, wir spiegeln es herein 
aus unserm Sein, sobald wir es erkennen. 
 
Ich glaubte dich viel weiter. Mich verwirrts, 
dass du gerade irrst und kommst, die mehr 
verwandelt hat als irgend eine Frau. 
Dass wir erschraken, da du starbst, nein, dass
dein starker Tod uns dunkel unterbrach, 
das Bisdahin abreißend vom Seither: 
das geht uns an; das einzuordnen wird 
die Arbeit sein, die wir mit allem tun. 
Doch dass du selbst erschrakst und auch noch jetzt 
den Schrecken hast, wo Schrecken nicht mehr gilt; 
dass du von deiner Ewigkeit ein Stück 
verlierst und hier hereintrittst, Freundin, hier, 
wo alles noch nicht ist; dass du zerstreut, 
zum ersten Mal im All zerstreut und halb, 
den Aufgang der unendlichen Naturen 
nicht so ergriffst wie hier ein jedes Ding; 
dass aus dem Kreislauf, der dich schon empfing, 
die stumme Schwerkraft irgend einer Unruh 
dich niederzieht zur abgezählten Zeit -: 
dies weckt mich nachts oft wie ein Dieb, der einbricht. 
Und dürft ich sagen, dass du nur geruhst, 
dass du aus Großmut kommst, aus Überfülle, 
weil du so sicher bist, so in dir selbst, 
dass du herumgehst wie ein Kind, nicht bange 
vor Örtern, wo man einem etwas tut -: 
doch nein: du bittest. Dieses geht mir so 
bis ins Gebein und querrt wie eine Säge. 
Ein Vorwurf, den du trügest als Gespenst, 
nachtrügest mir, wenn ich mich nachts zurückzieh 
in meine Lunge, in die Eingeweide, 
in meines Herzens letzte ärmste Kammer, – 
ein solcher Vorwurf wäre nicht so grausam, 
wie dieses Bitten ist. Was bittest du? 
 
Sag, soll ich reisen? Hast du irgendwo 
ein Ding zurückgelassen, das sich quält 
und das dir nachwill? Soll ich in ein Land, 
das du nicht sahst, obwohl es dir verwandt 
war wie die andre Hälfte deiner Sinne? 
 
Ich will auf seinen Flüssen fahren, will 
an Land gehn und nach alten Sitten fragen, 
will mit den Frauen in den Türen sprechen 
und zusehn, wenn sie ihre Kinder rufen. 
Ich will mir merken, wie sie dort die Landschaft 
umnehmen draußen bei der alten Arbeit 
der Wiesen und der Felder; will begehren, 
vor ihren König hingeführt zu sein, 
und will die Priester durch Bestechung reizen, 
dass sie mich legen vor das stärkste Standbild 
und fortgehn und die Tempeltore schließen. 
Dann aber will ich, wenn ich vieles weiß, 
einfach die Tiere anschaun, dass ein Etwas 
von ihrer Wendung mir in die Gelenke 
herübergleitet; will ein kurzes Dasein 
in ihren Augen haben, die mich halten 
und langsam lassen, ruhig, ohne Urteil. 
Ich will mir von den Gärtnern viele Blumen 
hersagen lassen, dass ich in den Scherben 
der schönen Eigennamen einen Rest 
herüberbringe von den hundert Düften. 
Und Früchte will ich kaufen, Früchte, drin 
das Land noch einmal ist, bis an den Himmel. 
 
Denn Das verstandest du: die vollen Früchte. 
Die legtest du auf Schalen vor dich hin 
und wogst mit Farben ihre Schwere auf. 
Und so wie Früchte sahst du auch die Fraun 
und sahst die Kinder so, von innen her 
getrieben in die Formen ihres Daseins. 
Und sahst dich selbst zuletzt wie eine Frucht, 
nahmst dich heraus aus deinen Kleidern, trugst 
dich vor den Spiegel, ließest dich hinein 
bis auf dein Schauen; das blieb groß davor 
und sagte nicht: das bin ich; nein: dies ist. 
So ohne Neugier war zuletzt dein Schaun 
und so besitzlos, von so wahrer Armut, 
dass es dich selbst nicht mehr begehrte: heilig. 
 
So will ich dich behalten, wie du dich 
hinstelltest in den Spiegel, tief hinein 
und fort von allem. Warum kommst du anders? 
Was widerrufst du dich? Was willst du mir 
einreden, dass in jenen Bernsteinkugeln 
um deinen Hals noch etwas Schwere war 
von jener Schwere, wie sie nie im Jenseits 
beruhigter Bilder ist; was zeigst du mir 
in deiner Haltung eine böse Ahnung; 
was heißt dich die Konturen deines Leibes 
auslegen wie die Linien einer Hand, 
dass ich sie nicht mehr sehn kann ohne Schicksal? 
 
Komm her ins Kerzenlicht. Ich bin nicht bang, 
die Toten anzuschauen. Wenn sie kommen, 
so haben sie ein Recht, in unserm Blick 
sich aufzuhalten, wie die andern Dinge. 
 
Komm her; wir wollen eine Weile still sein. 
Sieh diese Rose an auf meinem Schreibtisch; 
ist nicht das Licht um sie genau so zaghaft 
wie über dir: sie dürfte auch nicht hier sein. 
Im Garten draußen, unvermischt mit mir, 
hatte sie bleiben müssen oder hingehn, – 
nun währt sie so: was ist ihr mein Bewusstsein? 
 
 
Erschrick nicht, wenn ich jetzt begreife, ach, 
da steigt es in mir auf: ich kann nicht anders, 
ich muss begreifen, und wenn ich dran stürbe. 
Begreifen, dass du hier bist. Ich begreife. 
Ganz wie ein Blinder rings ein Ding begreift, 
fühl ich dein Los und weiß ihm keinen Namen. 
Lass uns zusammen klagen, dass dich einer 
aus deinem Spiegel nahm. Kannst du noch weinen? 
Du kannst nicht. Deiner Tränen Kraft und Andrang 
hast du verwandelt in dein reifes Anschaun 
und warst dabei, jeglichen Saft in dir 
so umzusetzen in ein starkes Dasein, 
das steigt und kreist, im Gleichgewicht und blindlings. 
Da riss ein Zufall dich, dein letzter Zufall 
riss dich zurück aus deinem fernsten Fortschritt 
in eine Welt zurück, wo Säfte wollen. 
Riss dich nicht ganz; riss nur ein Stück zuerst, 
doch als um dieses Stück von Tag zu Tag 
die Wirklichkeit so zunahm, dass es schwer ward, 
da brauchtest du dich ganz: da gingst du hin 
und brachst in Brocken dich aus dem Gesetz 
mühsam heraus, weil du dich brauchtest. 
Da trugst du dich ab und grubst aus deines Herzens 
nachtwarmem Erdreich die noch grünen Samen, 
daraus dein Tod aufkeimen sollte: deiner, 
dein eigner Tod zu deinem eignen Leben. 
Und aßest sie, die Körner deines Todes, 
wie alle andern, aßest seine Körner, 
und hattest Nachgeschmack in dir von Süße, 
die du nicht meintest, hattest süße Lippen, 
du: die schon innen in den Sinnen süß war. 
 
O lass uns klagen. Weißt du, wie dein Blut 
aus einem Kreisen ohnegleichen zögernd 
und ungern wiederkam, da du es abriefst? 
Wie es verwirrt des Leibes kleinen Kreislauf 
noch einmal aufnahm; wie es voller Misstraun 
und Staunen eintrat in den Mutterkuchen 
und von dem weiten Rückweg plötzlich müd war. 
Du triebst es an, du stießest es nach vorn, 
du zerrtest es zur Feuerstelle, wie 
man eine Herde Tiere zerrt zum Opfer; 
und wolltest noch, es sollte dabei froh sein. 
Und du erzwangst es schließlich: es war froh 
und lief herbei und gab sich hin. Dir schien, 
weil du gewohnt warst an die andern Maße, 
es wäre nur für eine Weile; aber 
nun warst du in der Zeit, und Zeit ist lang. 
Und Zeit geht hin, und Zeit nimmt zu, und Zeit 
ist wie ein Rückfall einer langen Krankheit. 
 
Wie war dein Leben kurz, wenn du’s vergleichst 
mit jenen Stunden, da du saßest und 
die vielen Kräfte deiner vielen Zukunft 
schweigend herabbogst zu dem neuen Kindkeim, 
der wieder Schicksal war. O wehe Arbeit. 
O Arbeit über alle Kraft. Du tatest 
sie Tag für Tag, du schlepptest dich zu ihr 
und zogst den schönen Einschlag aus dem Webstuhl 
und brauchtest alle deine Fäden anders. 
Und endlich hattest du noch Mut zum Fest. 
 
Denn da’s getan war, wolltest du belohnt sein, 
wie Kinder, wenn sie bittersüßen Tee 
getrunken haben, der vielleicht gesund macht. 
So lohntest du dich: denn von jedem andern 
warst du zu weit, auch jetzt noch; keiner hätte 
ausdenken können, welcher Lohn dir wohltut. 
Du wusstest es. Du saßest auf im Kindbett, 
und vor dir stand ein Spiegel, der dir alles 
ganz wiedergab. Nun war das alles Du
und ganz davor, und drinnen war nur Täuschung, 
die schöne Täuschung jeder Frau, die gern 
Schmuck umnimmt und das Haar kämmt und verändert. 
 
So starbst du, wie die Frauen früher starben, 
altmodisch starbst du in dem warmen Hause 
den Tod der Wöchnerinnen, welche wieder 
sich schließen wollen und es nicht mehr können, 
weil jenes Dunkel, das sie mitgebaren, 
noch einmal wiederkommt und drängt und eintritt. 
 
 
Ob man nicht dennoch hätte Klagefrauen 
auftreiben müssen? Weiber, welche weinen 
für Geld, und die man so bezahlen kann, 
dass sie die Nacht durch heulen, wenn es still wird. 
Gebräuche her! wir haben nicht genug 
Gebräuche. Alles geht und wird verredet. 
So musst du kommen, tot, und hier mit mir 
Klagen nachholen. Hörst du, dass ich klage? 
Ich möchte meine Stimme wie ein Tuch 
hinwerfen über deines Todes Scherben 
und zerrn an ihr, bis sie in Fetzen geht, 
und alles, was ich sage, müsste so 
zerlumpt in dieser Stimme gehn und frieren; 
blieb es beim Klagen. Doch jetzt klag ich an: 
den Einen nicht, der dich aus dir zurückzog, 
(ich find ihn nicht heraus, er ist wie alle) 
doch alle klag ich in ihm an: den Mann. 
 
Wenn irgendwo ein Kindgewesensein 
tief in mir aufsteigt, das ich noch nicht kenne, 
vielleicht das reinste Kindsein meiner Kindheit: 
ich wills nicht wissen. Einen Engel will 
ich daraus bilden ohne hinzusehn 
und will ihn werfen in die erste Reihe 
schreiender Engel, welche Gott erinnern. 
 
Denn dieses Leiden dauert schon zu lang, 
und keiner kanns; es ist zu schwer für uns, 
das wirre Leiden von der falschen Liebe, 
die, bauend auf Verjährung wie Gewohnheit, 
ein Recht sich nennt und wuchert aus dem Unrecht. 
Wo ist ein Mann, der Recht hat auf Besitz? 
Wer kann besitzen, was sich selbst nicht hält, 
was sich von Zeit zu Zeit nur selig auffängt 
und wieder hinwirft wie ein Kind den Ball. 
Sowenig wie der Feldherr eine Nike 
festhalten kann am Vorderbug des Schiffes, 
wenn das geheime Leichtsein ihrer Gottheit 
sie plötzlich weghebt in den hellen Meerwind: 
so wenig kann einer von uns die Frau 
anrufen, die uns nicht mehr sieht und die 
auf einem schmalen Streifen ihres Daseins 
wie durch ein Wunder fortgeht, ohne Unfall: 
er hätte denn Beruf und Lust zur Schuld. 
 
Denn das ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist: 
die Freiheit eines Lieben nicht vermehren 
um alle Freiheit, die man in sich aufbringt. 
Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies: 
einander lassen; denn dass wir uns halten, 
das fallt uns leicht und ist nicht erst zu lernen. 
 
 
Bist du noch da? In welcher Ecke bist du? – 
Du hast so viel gewusst von alledem 
und hast so viel gekonnt, da du so hingingst 
für alles offen, wie ein Tag, der anbricht. 
Die Frauen leiden: lieben heißt allein sein, 
und Künstler ahnen manchmal in der Arbeit, 
dass sie verwandeln müssen, wo sie lieben. 
Beides begannst du; beides ist in Dem, 
was jetzt ein Ruhm entstellt, der es dir fortnimmt. 
Ach du warst weit von jedem Ruhm. Du warst 
unscheinbar; hattest leise deine Schönheit 
hineingenommen, wie man eine Fahne 
einzieht am grauen Morgen eines Werktags, 
und wolltest nichts, als eine lange Arbeit, –
die nicht getan ist: dennoch nicht getan. 
 
Wenn du noch da bist, wenn in diesem Dunkel 
noch eine Stelle ist, an der dein Geist 
empfindlich mitschwingt auf den flachen Schallwelln, 
die eine Stimme, einsam in der Nacht, 
aufregt in eines hohen Zimmers Strömung: 
So hör mich: Hilf mir. Sieh, wir gleiten so, 
nicht wissend wann, zurück aus unserm Fortschritt 
in irgendwas, was wir nicht meinen; drin 
wir uns verfangen wie in einem Traum 
und drin wir sterben, ohne zu erwachen. 
Keiner ist weiter. Jedem, der sein Blut 
hinaufhob in ein Werk, das lange wird, 
kann es geschehen, dass ers nicht mehr hochhält 
und dass es geht nach seiner Schwere, wertlos. 
Denn irgendwo ist eine alte Feindschaft 
zwischen dem Leben und der großen Arbeit. 
Dass ich sie einseh und sie sage: hilf mir. 
 
Komm nicht zurück. Wenn du’s erträgst, so sei 
tot bei den Toten. Tote sind beschäftigt. 
Doch hilf mir so, dass es dich nicht zerstreut, 
wie mir das Fernste manchmal hilft: in mir. 
 
 
Rainer Maria Rilke, 
31.10.-2.11.1908, 
Paris
Requiem. 
Leipzig 1909.
 



Der Weg der Künstlerin Paula Modersohn-Becker war alles andere als einfach. 

Gegen das Unverständnis der Männerwelt, 

den Widerstand der Familie, den Spott und Hohn der Kunstkritiker der Zeit –

malt Paula Modersohn-Becker unbeirrt ihre Bilder, sucht ihren Stil zu finden. 


Paula Modersohn-Becker, Mädchen mit Katze im Birkenwald. 1904

 

Paula Modersohn-Becker, Stillleben mit Blattpflanze, Zitrone und Apfelsine. 1906.

Ausgehend vom expressiven Naturlyrismus der Jahrhundertwende gelangt die Künstlerin in ihren Bildern von bäuerlichen Frauen und Kindern, in Selbstbildnissen und Stillleben zu einer ausdrucksbetonten, großflächigen und farbig-expressiven Malerei, mit der sie posthum die Bedeutung einer Wegbereiterin des Deutschen Expressionismus erlangt.



So zu lesen und in Paula Moderson Becker geschrieben.



Die Bedeutung der Malerin Paula Modersohn-Becker und ihres Werkes hat Heinrich Vogeler erst nach ihrem frühen Tod erkannt – manche Biografen Modersohn-Beckers sehen in seinem engagierten Einsatz für ihr Werk eine Wiedergutmachung dafür, dass er sie lange nur als Ehefrau seines Künstlerkollegen Otto Modersohn wahrnahm. 



Paula Modersohn-Becker hat während ihres Lebens nur etwa fünf Bilder verkauft – den frühen Ausstellungen in den ersten Jahren nach ihrem Tod ist es erst zu verdanken, dass einige Sammler auf sie aufmerksam wurden und begannen, ihre Gemälde zu erwerben. 



Zu diesen Sammlern gehören Herbert von Garvens, August von der Heydt, der, angeregt durch Rainer Maria Rilke, 28 ihrer Gemälde erwarb, sowie Ludwig Roselius, auf dessen Initiative das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen zurückzuführen ist.
1913 wurden in der Kunsthalle Bremen 129 ihrer Gemälde gezeigt, und eine immer größer werdende Anhängerschaft begann, ihre Bilder aufgrund ihrer formalen Dichte und ihrer gleichnishaften Ausdrucksstärke zu schätzen.


„Da trat einmal ein Mensch zu uns herein, 
dessen Bild sich auf eine besondere Art einprägte. 
War es die Haltung, die entschlossener schien als die anderer Menschen, 
der kluge braune Blick, der einen fühlen machte: 
Halt, hier ist jemand, paß auf!“ 
 
Paula Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff. 1905
 

So berichtet Clara Rilke-Westhoff 1932 

in einer Gedenkschrift über ihre erste Begegnung mit Paula Becker im Jahr 1898. 



Ein Jahr später schuf die Bildhauerin mit der Büste ihrer Weggefährtin ein naturnahes, intensives Abbild der 23-jährigen Paula, das zugleich tiefe Bewunderung für die Freundin ausdrückt. 



1908, nach dem Tod ihrer Freundin, überarbeitete sie diese Gips-Skulptur und ließ die zweite, idealisierte Fassung in Bronze gießen.


 

Büste von Paula Modersohn-Becker, 
geschaffen von Clara Rilke-Westhoff 1899, 
als Bronzeskulptur 2007 zum 100. Todestag von Paula Modersohn-Becker 
in den Bremer Wallanlagen aufgestellt.



8. Februar Zitat Rainer Maria Rilke:
„Wir gehen durch alles das hin wie der Faden durch ein Gewebe:

Bilder bildend und wir wissen nicht welche.“ ….


Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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