DAS BUCH DER BILDER.

Rainer Maria Rilke


DAS BUCH DER BILDER.
Rainer Maria Rilke

Des ersten Buches erster Teil

Mondnacht
Zwei Gedichte zu Hans Thomas Sechzigstem Geburtstage
I
 
Süddeutsche
Nacht, ganz breit im reifen Monde, 
und mild wie
aller Märchen Wiederkehr. 
Vom Turme fallen
viele Stunden schwer 
in ihre Tiefen
nieder wie ins Meer, – 
und dann ein
Rauschen und ein Ruf der Ronde, 
und eine Weile
bleibt das Schweigen leer; 
und eine Geige
dann (Gott weiß woher) 
erwacht und sagt
ganz langsam:
            Eine Blonde
Rainer Maria
Rilke
Juli 1899,
Berlin-Schmargendorf
Ritter
Zwei Gedichte zu Hans Thomas Sechzigstem Geburtstage
II
Reitet der
Ritter in schwarzem Stahl 
hinaus in die
rauschende Welt. 
Und draußen ist
Alles: der Tag und das Tal 
und der Freund
und der Feind und das Mahl im Saal 
und der Mai und
die Maid und der Wald und der 
Gral, 
und Gott ist
selber vieltausendmal 
an alle Straßen
gestellt. 
Doch in dem
Panzer des Ritters drinnen, 
hinter den
finstersten Ringen, 
hockt der Tod
und muss sinnen und sinnen: 
Wann wird die
Klinge springen 
über die
Eisenhecke, 
die fremde
befreiende Klinge, 
die mich aus
meinem Verstecke 
holt, drin ich
so viele 
gebückte Tage
verbringe, – 
dass ich mich
endlich strecke 
und spiele 
und singe. 
Rainer Maria
Rilke
 Juli 1899, Berlin-Schmargendorf
Mädchenmelancholie
Mir fällt ein
junger Ritter ein 
fast wie ein
alter Spruch. 
Der kam. So kommt manchmal im Hain 
der große Sturm
und hüllt dich ein. 
Der ging. So lässt das Benedein 
der großen
Glocken dich allein 
oft mitten im
Gebet… 
Dann willst du
in die Stille schrein, 
und weinst doch
nur ganz leis hinein 
tief in dein
kühles Tuch. 
Mir fällt ein
junger Ritter ein, 
der weit in
Waffen geht. 
Sein Lächeln war
so weich und fein: 
wie Glanz auf
altem Elfenbein, 
wie Heimweh, wie
ein Weihnachtsschnein 
im dunkeln Dorf,
wie Türkisstein 
um den sich
lauter Perlen reihn, 
wie
Mondenschein 
auf einem lieben
Buch. 
Rainer Maria
Rilke
18.7.1899,
Berlin-Schmargendorf
Von den Mädchen
   
        I
Andere müssen
auf langen Wegen 
zu den dunklen
Dichtern gehn; 
fragen immer
irgendwen, 
ob er nicht
einen hat singen sehn 
oder Hände auf
Saiten legen. 
Nur die Mädchen
fragen nicht, 
welche Brücke zu
Bildern führe; 
lächeln nur,
lichter als Perlenschnüre, 
die man an
Schalen von Silber hält. 
Aus ihrem Leben
geht jede Türe 
in einen
Dichter 
und in die
Welt. 
   
        II
Mädchen, Dichter
sind, die von euch lernen 
das zu sagen, was ihr einsam seid
und sie lernen
leben an euch Fernen, 
wie die Abende
an großen Sternen 
sich gewöhnen an
die Ewigkeit. 
Keine darf sich
je dem Dichter schenken, 
wenn sein Auge
auch um Frauen bat; 
denn er kann
euch nur als Mädchen denken: 
das Gefühl in
euren Handgelenken 
würde brechen
von Brokat. 
lasst ihn einsam
sein in seinem Garten, 
wo er euch wie
Ewige empfing 
auf den Wegen,
die er täglich ging, 
bei den Bänken,
welche schattig warten, 
und im Zimmer,
wo die Laute hing. 
Geht! … es
dunkelt. Seine Sinne suchen 
eure Stimme und
Gestalt nicht mehr. 
Und die Wege
liebt er lang und leer 
und kein Weißes
unter dunklen Buchen, – 
und die stumme
Stube liebt er sehr. 
… Eure Stimmen
hört er ferne gehn 
(unter Menschen,
die er müde meidet) 
und: sein
zärtliches Gedenken leidet 
im Gefühle, dass
euch viele sehn. 
Rainer Maria
Rilke
I am 29.9., II
am 9./10.9.1900, Worpswede
Gemälde Frühling in Worpswede, 1900, von Hans am Ende.
Aus: Des ersten Buches erster Teil.
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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