DAS BUCH DER BILDER.

Rainer Maria Rilke




DAS BUCH DER BILDER.
Rainer Maria Rilke




Des ersten Buches erster Teil


Das Lied der Bildsäule


Wer ist es, wer mich so liebt, dass er 
sein liebes Leben verstößt? 
Wenn einer für mich ertrinkt im Meer, 
so bin ich vom Steine zur Wiederkehr 
ins Leben, ins Leben erlöst. 


Ich sehne mich so nach dem rauschenden Blut; 
der Stein ist so still. 
Ich träume vom Leben: das Leben ist gut. 
Hat keiner den Mut, 
durch den ich erwachen will? 


Und werd ich einmal im Leben sein, 
das mir alles Goldenste giebt, – 
– – – – – – – – – – – – – – – – – 
so werd ich allein 
weinen, weinen nach meinem Stein. 
Was hilft mir mein Blut, wenn es reift wie der Wein? 
Es kann aus dem Meer nicht den Einen schrein, 
der mich am meisten geliebt. 

Rainer Maria Rilke


18.11.1899, Berlin-Schmargendorf




Der Wahnsinn


Sie muss immer sinnen: Ich bin… ich bin… 
Wer bist du denn, Marie? 
      Eine Königin, eine Königin! 
      In die Kniee vor mir, in die Knie! 


Sie muss immer weinen: Ich war… ich war… 
Wer warst du denn, Marie? 
      Ein Niemandskind, ganz arm und bar, 
      und ich kann dir nicht sagen wie. 


Und wurdest aus einem solchen Kind 
eine Fürstin, vor der man kniet? 
      Weil die Dinge alle anders sind, 
      als man sie beim Betteln sieht. 


So haben die Dinge dich groß gemacht, 
und kannst du noch sagen wann? 
      Eine Nacht, eine Nacht, über eine Nacht, – 
      und sie sprachen mich anders an. 
      Ich trat in die Gasse hinaus und sieh: 
      die ist wie mit Saiten bespannt; 
      da wurde Marie Melodie, Melodie… 
      und tanzte von Rand zu Rand. 
      Die Leute schlichen so ängstlich hin, 
      wie hart an die Häuser gepflanzt, –
      denn das darf doch nur eine Königin,
      dass sie tanzt in den Gassen: tanzt!…




Rainer Maria Rilke


24.11.1899, Berlin-Schmargendorf




Die Liebende


Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite 
mich verlierend selbst mir aus der Hand, 
ohne Hoffnung, dass ich Das bestreite, 
was zu mir kommt wie aus deiner Seite 
ernst und unbeirrt und unverwandt. 


… jene Zeiten: O wie war ich Eines, 
nichts was rief und nichts was mich verriet; 
meine Stille war wie eines Steines, 
über den der Bach sein Murmeln zieht. 


Aber jetzt in diesen Frühlingswochen 
hat mich etwas langsam abgebrochen 
von dem unbewussten dunkeln Jahr. 
Etwas hat mein armes warmes Leben 
irgendeinem in die Hand gegeben, 
der nicht weiß was ich noch gestern war. 


Rainer Maria Rilke


zwischen 1902 und 1906, 




Die Braut


Ruf mich, Geliebter, ruf mich laut! 
Lass deine Braut nicht so lange am Fenster stehn. 
In den alten Platanenalleen 
wacht der Abend nicht mehr: 
sie sind leer. 


Und kommst du mich nicht in das nächtliche Haus 
mit deiner Stimme verschließen, 
so muss ich mich aus meinen Händen hinaus 
in die Gärten des Dunkelblaus 
ergießen… 


Rainer Maria Rilke


20.9.1898, Berlin-Schmargendorf


Aus: Des ersten Buches erster Teil.


Vignette von Heinrich Vogeler. 
An den initialien H V und am Stil zu erkennen.

Mit der Titelvignelte ließ Rainer Maria Rilke während der Westerweder und 
der erstenPariser Zeit sein Briefpapier schmücken.

Sie stellt eine Föntäne dar, 
ein Grundsymbol der Rilkeschen Dichtung, 
dessen Bedeutung bereits das Gedicht 
„Von den Fontänen” 
im „Buck der Bilder” umschreibt.



RAINER MARIA RILKE
1875 – 1926
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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