Das Buch der Bilder.

Rainer Maria Rilke


Rainer Maria Rilke 1902

DAS BUCH DER BILDER

Rainer Maria Rilke
Geschrieben zwischen 1899 und 1902 in
Berlin-Schmagendorf, Worpswede, Jonsered bei Göteborg und Paris.
Das „Buch der Bilder“ erschien erstmals im
Verlag Axel Juncker.
Nach der Trennung überarbeitet, erweitert um das
zweite Buch und neu erschienen im Insel Verlag, 1906. 
Erstauflage: Verlag Axel Juncker, 1902.
»»Fortsetzung««
Die Stille
Hörst du
Geliebte, ich hebe die Hände – 
hörst du: es
rauscht… 
Welche Gebärde
der Einsamen fände 
sich nicht von
vielen Dingen belauscht? 
Hörst du,
Geliebte, ich schließe die Lider 
und auch das ist Geräusch bis zu dir. 
Hörst du,
Geliebte, ich hebe sie wieder…… 
… aber warum
bist du nicht hier.
Der Abdruck
meiner kleinsten Bewegung 
bleibt in der
seidenen Stille sichtbar; 
unvernichtbar
drückt die geringste Erregung 
in den
gespannten Vorhang der Ferne sich ein. 
Auf meinen
Atemzügen heben und senken 
die Sterne
sich. 
Zu meinen Lippen
kommen die Düfte zur Tränke, 
und ich erkenne
die Handgelenke 
entfernter
Engel. 
Nur die ich
denke: Dich 
seh ich
nicht. 
Rainer Maria
Rilke
1900/01, ?
Musik
Was spielst du,
Knabe? Durch die Garten gings 
wie viele
Schritte, flüsternde Befehle. 
Was spielst du,
Knabe? Siehe deine Seele 
verfing sich in
den Stäben der Syrinx. 
Was lockst du
sie? Der Klang ist wie ein Kerker, 
darin sie sich
versäumt und sich versehnt; 
stark ist dein
Leben, doch dein Lied ist stärker, 
an deine
Sehnsucht schluchzend angelehnt. – 
Gieb ihr ein
Schweigen, dass die Seele leise 
heimkehre in das
Flutende und Viele, 
darin sie lebte,
wachsend, weit und weise, 
eh du sie
zwangst in deine zarten Spiele. 
Wie sie schon
matter mit den Flügeln schlägt: 
so wirst du,
Träumer, ihren Flug vergeuden, 
dass ihre
Schwinge, vom Gesang zersägt, 
sie nicht mehr
über meine Mauern trägt, 
wenn ich sie
rufen werde zu den Freuden. 
Rainer Maria
Rilke
24.7.1899,
Berlin-Schmargendorf
Die Engel
Sie haben alle
müde Münde 
und helle Seelen
ohne Saum. 
Und eine
Sehnsucht (wie nach Sünde) 
geht ihnen
manchmal durch den Traum. 
Fast gleichen
sie einander alle; 
in Gottes Gärten
schweigen sie, 
wie viele, viele
Intervalle 
in seiner Macht
und Melodie. 
Nur wenn sie
ihre Flügel breiten, 
sind sie die
Wecker eines Winds: 
als ginge Gott
mit seinen weiten 
Bildhauerhänden
durch die Seiten 
im dunklen Buch
des Anbeginns. 
Rainer Maria
Rilke
22.7.1899,
Berlin-Schmargendorf
Der Schutzengel
Du bist der
Vogel, dessen Flügel kamen, 
wenn ich
erwachte in der Nacht und rief. 
Nur mit den
Armen rief ich, denn dein Namen 
ist wie ein
Abgrund, tausend Nächte tief. 
Du bist der
Schatten, drin ich still entschlief, 
und jeden Traum
ersinnt in mir dein Samen, – 
du bist das
Bild, ich aber bin der Rahmen, 
der dich ergänzt
in glänzendem Relief. 
Wie nenn ich
dich? Sieh, meine Lippen lahmen. 
Du bist der
Anfang, der sich groß ergießt, 
ich bin das
langsame und bange Amen, 
das deine
Schönheit scheu beschließt. 
Du hast mich oft
aus dunklem Ruhn gerissen, 
wenn mir das
Schlafen wie ein Grab erschien 
und wie
Verlorengehen und Entfliehn, – 
da hobst du mich
aus Herzensfinsternissen 
und wolltest
mich auf allen Türmen hissen 
wie
Scharlachfahnen und wie Draperien. 
Du: der von
Wundern redet wie vom Wissen 
und von den
Menschen wie von Melodien 
und von den
Rosen: von Ereignissen, 
die flammend
sich in deinem Blick vollziehn, – 
du Seliger, wann
nennst du einmal Ihn, 
aus dessen
siebentem und letztem Tage 
noch immer Glanz
auf deinem Flügelschlage 
verloren
liegt… 
Befiehlst du,
dass ich frage? 
Rainer Maria
Rilke
24.7.1899,
Berlin-Schmargendorf
Martyrinnen
Martyrin ist
sie. Und als harten Falls 
mit einem
Ruck 
das Beil durch
ihre kurze Jugend ging, 
da legte sich
der feine rote Ring 
um ihren Hals,
und war der erste Schmuck, 
den sie mit
einem fremden Lächeln nahm; 
aber auch den
erträgt sie nur mit Scham. 
Und wenn sie
schläft, muss ihre junge Schwester 
(die, kindisch
noch, sich mit der Wunde schmückt 
von jenem Stein,
der ihr die Stirn erdrückt) 
die harten Arme
um den Hals ihr halten, 
und oft im
Traume fleht die andre: Fester, fester. 
Und da fällt es
dem Kinde manchmal ein, 
die Stirne mit
dem Bild von jenem Stein 
zu bergen in des
sanften Nachtgewandes Falten, 
das von der
Schwester Atmen hell sich hebt, 
voll wie ein
Segel, das vom Winde lebt. 
Das ist die
Stunde, da sie heilig sind, 
die stille
Jungfrau und das blasse Kind. 
Da sind sie
wieder wie vor allem Leide 
und schlafen arm
und haben keinen Ruhm, 
und ihre Seelen
sind wie weiße Seide, 
und von
derselben Sehnsucht beben beide 
und fürchten
sich vor ihrem Heldentum. 
Und du kannst
meinen: wenn sie aus den Betten 
aufstünden bei
dem nächsten Morgenlichte 
und, mit
demselben träumenden Gesichte, 
die Gassen kämen
in den kleinen Städten, – 
es bliebe keiner
hinter ihnen staunen, 
kein Fenster
klirrte an den Häuserreihn, 
und nirgends bei
den Frauen ging ein Raunen, 
und keines von
den Kindern würde schrein. 
Sie schritten
durch die Stille in den Hemden 
(die flachen
Falten geben keinen Glanz) 
so fremd, und
dennoch keinem zum Befremden, 
so wie zu
Festen, aber ohne Kranz. 
Rainer Maria
Rilke
22.7.1899,
Berlin-Schmargendorf
Aus: Des ersten Buches erster Teil.
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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