Das Buch der Bilder.

Rainer Maria Rilke


Das Buch der Bilder.

Rainer Maria Rilke
Geschrieben zwischen 1899 und 1902 in
Berlin-Schmagendorf, Worpswede, Jonsered bei Göteborg und Paris.
Das „Buch der Bilder“ erschien erstmals im
Verlag Axel Juncker.
Nach der Trennung überarbeitet, erweitert um das
zweite Buch und neu erschienen im Insel Verlag, 1906. 
Erstauflage: Verlag Axel Juncker, 1902.


Die Heilige
Das Volk war
durstig; also ging das eine 
durstlose
Mädchen, ging die Steine 
um Wasser flehen
für ein ganzes Volk. 
Doch ohne
Zeichen blieb der Zweig der Weide, 
und sie
ermattete am langen Gehn 
und dachte
endlich nur, dass einer leide, 
(ein kranker
Knabe, und sie hatten beide 
sich einmal
abends ahnend angesehn). 
Da neigte sich
die junge Weidenrute 
in ihren Händen
dürstend wie ein Tier: 
jetzt ging sie
blühend über ihrem Blute, 
und rauschend
ging ihr Blut tief unter ihr. 
Rainer Maria
Rilke
1.11.1902, Paris
Kindheit
Da rinnt der
Schule lange Angst und Zeit 
mit Warten hin,
mit lauter dumpfen Dingen. 
O Einsamkeit, o
schweres Zeitverbringen… 
Und dann hinaus:
die Straßen sprühn und klingen 
und auf den
Plätzen die Fontänen springen 
und in den
Gärten wird die Welt so weit -. 
Und durch das
alles gehn im kleinen Kleid, 
ganz anders als
die andern gehn und gingen -: 
O wunderliche
Zeit, o Zeitverbringen, 
o
Einsamkeit. 
Und in das alles
fern hinauszuschauen: 
Männer und
Frauen; Männer, Männer, Frauen 
und Kinder,
welche anders sind und bunt; 
und da ein Haus
und dann und wann ein Hund 
und Schrecken
lautlos wechselnd mit Vertrauen -: 
O Trauer ohne
Sinn, o Traum, o Grauen, 
o Tiefe ohne
Grund. 
Und so zu
spielen: Ball und Ring und Reifen 
in einem Garten,
welcher sanft verblasst, 
und manchmal die
Erwachsenen zu streifen, 
blind und
verwildert in des Haschens Hast, 
aber am Abend
still, mit kleinen steifen 
Schritten
nachhaus zu gehn, fest angefasst -: 
O immer mehr
entweichendes Begreifen, 
o Angst, o
Last. 
Und stundenlang
am großen grauen Teiche 
mit einem
kleinen Segelschiff zu knien; 
es zu vergessen,
weil noch andre, gleiche 
und schönere
Segel durch die Ringe ziehn, 
und denken
müssen an das kleine bleiche 
Gesicht, das
sinkend aus dem Teiche schien -: 
O Kindheit, o
entgleitende Vergleiche. 
Wohin?
Wohin? 
Rainer Maria
Rilke
Winter 1905/06,
Paris (Meudon)
Aus einer Kindheit
Das Dunkeln war
wie Reichtum in dem Raume, 
darin der Knabe,
sehr verheimlicht, saß. 
Und als die
Mutter eintrat wie im Traume, 
erzitterte im
stillen Schrank ein Glas. 
Sie fühlte, wie
das Zimmer sie verriet, 
und küsste ihren
Knaben: Bist du hier?… 
Dann schauten
beide bang nach dem Klavier, 
denn manchen
Abend hatte sie ein Lied, 
darin das Kind
sich seltsam tief verfing. 
Es saß sehr
still. Sein großes Schauen hing 
an ihrer Hand,
die ganz gebeugt vom Ringe, 
als ob sie
schwer in Schneewehn ginge, 
über die weißen
Tasten ging. 
Rainer Maria
Rilke
21.3.1900,
Berlin-Schmargendorf
Der Knabe
Ich möchte einer
werden so wie die, 
die durch die
Nacht mit wilden Pferden fahren, 
mit Fackeln, die
gleich aufgegangenen Haaren 
in ihres Jagens
großem Winde wehn. 
Vorn möcht ich
stehen wie in einem Kahne, 
groß und wie
eine Fahne aufgerollt. 
Dunkel, aber mit
einem Helm von Gold, 
der unruhig
glänzt. Und hinter mir gereiht 
zehn Männer aus
derselben Dunkelheit 
mit Helmen, die
wie meiner unstet sind, 
bald klar wie
Glas, bald dunkel, alt und blind. 
Und einer steht
bei mir und bläst uns Raum 
mit der
Trompete, welche blitzt und schreit, 
und bläst uns
eine schwarze Einsamkeit, 
durch die wir
rasen wie ein rascher Traum: 
die Häuser
fallen hinter uns ins Knie, 
die Gassen
biegen sich uns schief entgegen, 
die Plätze
weichen aus: wir fassen sie, 
und unsre Rosse
rauschen wie ein Regen. 
Rainer Maria
Rilke
Winter 1902/03,
Paris
Die Konfirmanden
In weißen
Schleiern gehn die Konfirmanden
tief in das neue
Grün der Gärten ein.
Sie haben ihre
Kindheit überstanden,
und was jetzt
kommt, wird anders sein.
O kommt es denn!
Beginnt jetzt nicht die Pause,
das Warten auf
den nächsten Stundenschlag?
Das Fest ist
aus, und es wird laut im Hause,
und trauriger
vergeht der Nachmittag…
Das war ein
Aufstehn zu dem weißen Kleide
und dann durch
Gassen ein geschmücktes Gehn
und eine Kirche,
innen kühl wie Seide,
und lange Kerzen
waren wie Alleen,
und alle Lichter
schienen wie Geschmeide,
von feierlichen
Augen angesehn.
Und es war
still, als der Gesang begann:
Wie Wolken stieg
er in der Wölbung an
und wurde hell
im Niederfall; und linder
denn Regen fiel
er in die weißen Kinder.
Und wie im Wind
bewegt sich ihr Weiß,
und wurde leise
bunt in seinen Falten
und schien
verborgne Blumen zu enthalten -:
Blumen und
Vögel, Sterne und Gestalten
aus einem alten
fernen Sagenkreis.
Und draußen war
ein Tag aus Blau und Grün
mit einem Ruf
von Rot an hellen Stellen.
Der Teich
entfernte sich in kleinen Wellen,
und mit dem
Winde kam ein fernes Blühn
und sang von
Gärten draußen vor der Stadt.
Es war, als ob
die Dinge sich bekränzten,
sie standen
licht, unendlich leicht besonnt;
ein Fühlen war
in jeder Häuserfront,
und viele
Fenster gingen auf und glänzten.
Rainer Maria
Rilke
Mai 1903, Paris
Das Abendmahl
Sie sind
versammelt, staunende Verstörte, 
um ihn, der wie
ein Weiser sich beschließt 
und der sich
fortnimmt denen er gehörte 
und der an ihnen
fremd vorüberfließt. 
Die alte
Einsamkeit kommt über ihn, 
die ihn erzog zu
seinem tiefen Handeln; 
nun wird er
wieder durch den Wald wandeln, 
und die ihn
lieben werden vor ihm fliehn. 
Er hat sie zu
dem letzten Tisch entboten 
und (wie ein
Schuß die Vögel aus den Schoten 
scheucht)
scheucht er ihre Hände aus den Broten 
mit seinem Wort:
sie fliegen zu ihm her;
sie flattern
bange durch die Tafelrunde
und suchen einen
Ausgang. Aber er
ist überall wie
eine Dämmerstunde. 
Rainer Maria
Rilke
19.6.1903, Paris
Aus: Aus: Des ersten Buches erster Teil.






„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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