„Ecce lignum crucis“

Rainer Maria Rilke


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Ecce Lignum Crucis
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„Ecce lignum crucis, in quo salus mundi pependit. Venite adoremus“ – 
„Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt. Kommt, lasset uns anbeten!“


Zum „Kar“- Freitag.

Kreuzigung

Längst geübt, zum kahlen Galgenplatze
irgend ein Gesindel hinzudrängen,
ließen sich die schweren Knechte hängen,
dann und wann nur eine große Fratze
kehrend nach den abgetanen Drein.
Aber oben war das schlechte Henkern
rasch getan; und nach dem Fertigsein
ließen sich die freien Männer schlenkern.
Bis der eine (fleckig wie ein Selcher)
sagte: Hauptmann, dieser hat geschrien.
Und der Hauptmann sah vom Pferde: Welcher?
und es war ihm selbst, er hätte ihn
den Elia rufen hören. Alle
waren zuzuschauen voller Lust,
und sie hielten, dass er nicht verfalle,
gierig ihm die ganze Essiggalle
an sein schwindendes Gehust.
Denn sie hofften noch ein ganzes Spiel
und vielleicht den kommenden Elia.
Aber hinten ferne schrie Maria,
und er selber brüllte und verfiel.

Rainer Maria Rilke
Aus: Der neuen Gedichte anderer Teil.
Fra Angelico, Kreuzigung,  
Maria, Dominikus, Totenkopf Adams, am Golgathaberg.
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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