Der Lesende

Rainer Maria Rilke


Der
Lesende
Ich las schon
lang. Seit dieser Nachmittag,
mit Regen
rauschend, an den Fenstern lag.
Vom Winde
draußen hörte ich nichts mehr:
Mein Buch war
schwer.
Ich sah ihm in
die Blätter wie in Mienen,
die dunkel
werden von Nachdenklichkeit,
und um mein
Lesen staute sich die Zeit. –
Auf einmal sind
die Seiten überschienen,
und statt der
bangen Wortverworrenheit
steht: Abend,
Abend… Überall auf ihnen.
Ich schau noch
nicht hinaus, und doch zerreißen
die langen
Zeilen, und die Worte rollen
von ihren Fäden
fort, wohin sie wollen…
Da weiß ich es:
Über den übervollen
glänzenden
Gärten sind die Himmel weit;
die Sonne hat
noch einmal kommen sollen. –
Und jetzt wird
Sommernacht, soweit man sieht:
Zu wenig Gruppen
stellt sich das Verstreute,
dunkel, auf
langen Wegen, gehn die Leute,
und seltsam
weit, als ob es mehr bedeute,
hört man das
Wenige, das noch geschieht.
Und wenn ich
jetzt vom Buch die Augen hebe,
wird nichts
befremdlich sein und alles groß.
Dort draußen
ist, was ich hier drinnen lebe,
und hier und
dort ist alles grenzenlos;
nur daß ich mich
noch mehr damit verwebe,
wenn meine
Blicke an die Dinge passen
und an die
ernste Einfachheit der Massen, –
da wächst die
Erde über sich hinaus.
Den ganzen
Himmel scheint sie zu umfassen:
Der erste Stern
ist wie das letzte Haus.

RAINER MARIA RILKE
Aus: Buch der Bilder
zweites Buch Zweiter Teil
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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