Frühling ….

Rainer Maria Rilke


& Personen um und mit Rainer Maria Rilke.
Château de Muzot ~ Maison Rilke in Veyras Schweiz,
dort wurden von Rainer Maria Rilke die
Sonette an Orpheus und
Duineser Elegien 1922 fertig gestellt.


Das XXI. Sonett
Frühling ist
wiedergekommen. Die Erde 
ist wie ein
Kind, das Gedichte weiß; 
viele, o
viele…. Für die Beschwerde 
langen Lernens
bekommt sie den Preis. 
Streng war ihr
Lehrer. Wir mochten das Weiße 
an dem Barte des
alten Manns. 
Nun, wie das
Grüne, das Blaue heiße, 
dürfen wir
fragen: sie kanns, sie kanns! 
Erde, die frei
hat, du glückliche, spiele 
nun mit den
Kindern. Wir wollen dich fangen, 
fröhliche Erde.
Dem Frohsten gelingts. 
O, was der
Lehrer sie lehrte, das Viele, 
und was gedruckt
steht in Wurzeln und langen 
schwierigen
Stammen: sie singts, sie singts! 
Rainer Maria
Rilke
9.2.1922,
Chateau de Muzot
Aus die Sonette an Orpheus, 1. Teil 21. Sonette.
Die Sonette an Orpheus sind ein Gedichtzyklus von Rainer Maria Rilke.
Er schrieb die 55 Sonette im Februar 1922 wie im „Diktat“ nieder,
nachdem er die viele Jahre stockende Arbeit an den Duineser Elegien
beendet hatte.

Beide Gedichtbände stehen bereits für den Autor in engem Zusammenhang. Die Sonette sind in zwei Teile aufgeteilt, die Reihenfolge der Gedichte folgt jedoch nicht immer chronologisch der Reihenfolge der Textproduktion.


Rainer Maria Rilke bezeichnet sein Werk im Untertitel als
„ein Grabmal für Wera Ouckama Knoop“.

Bis auf zwei Sonette (I, 25. und II, 28.), die offensichtlich an die junge Tänzerin gerichtet sind, lassen sich jedoch nur schwer Bezüge zur früh Verstorbenen finden, mit deren Mutter Rainer Maria Rilke in gutem Verhältnis stand. 



Wera Ouckama
Knoop 

geboren 1900 in Moskau, gestorben 1919 in München,
war die jüngere der beiden
Töchter des 1913 verstorbenen Ingenieurs und Schriftstellers Gerhard Ouckama
Knoop
und seiner Frau Gertrud.
Beide und auch die Töchter waren mit Rainer Maria Rilke
bekannt.

Als er zum Jahreswechsel 1921/22 den ergreifenden Bericht der Mutter
über Leiden und Tod Weras erhielt, die Tänzerin werden wollte, war das einer
der Anstöße zu den
„Sonetten an Orpheus“, die er dem Andenken an Wera
widmete.

Gerhard Oukama Knoop bei :  Deutsche Biographie

Die 25. Sonette aus dem 1. Teil und die 28. Sonette aus dem 2. Teil:
Das XXV. Sonett
Dich aber will ich nun, Dich, die ich kannte 
wie
eine Blume, von der ich den Namen nicht weiß, 
noch ein Mal erinnern und ihnen zeigen,
Entwandte, 
schöne
Gespielin des unüberwindlichen Schrei’s. 
Tänzerin
erst, die plötzlich, den Körper voll Zögern, 
anhielt,
als göss man ihr Jungsein in Erz; 
trauernd
und lauschend -. Da, von den hohen Vermögern 
fiel
ihr Musik in das veränderte Herz. 
Nah
war die Krankheit. Schon von den Schatten bemächtigt, 
drängte
verdunkelt das Blut, doch, wie flüchtig verdächtigt, 
trieb
es in seinen natürlichen Frühling hervor. 
Wieder
und wieder, von Dunkel und Sturz unterbrochen, 
glänzte
es irdisch. Bis es nach schrecklichem Pochen 
trat
in das trostlos offene Tor. 
Rainer
Maria Rilke
zwischen dem 2. und 5.2.1922, Chateau de Muzot

Das XXVIII. Sonett
O
komm und geh. Du, fast noch Kind, ergänze 
für
einen Augenblick die Tanzfigur 
zum
reinen Sternbild einer jener Tänze, 
darin
wir die dumpf ordnende Natur 
vergänglich
übertreffen. Denn sie regte 
sich
völlig hörend nur, da Orpheus sang. 
Du
warst noch die von damals her Bewegte 
und
leicht befremdet, wenn ein Baum sich lang 
besann,
mit dir nach dem Gehör zu gehn. 
Du
wusstest noch die Stelle, wo die Leier 
sich
tönend hob -; die unerhörte Mitte. 
Für
sie versuchtest du die schönen Schritte 
und
hofftest, einmal zu der heilen Feier 
des
Freundes Gang und Antlitz hinzudrehn. 
Rainer
Maria Rilke
zwischen dem 19. und 23.2.1922, Chateau de Muzot

Aus Sonette
an Orpheus
Geschrieben als
ein Grab-Mal für Wera Ouckama Knoop
Chateau de Muzot
im Februar 1922 
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

from Blogger http://ift.tt/1Q1vkod
via IFTTT

Advertisements