Mai 1921

Rainer Maria Rilke


Feierlich ists
an meinem Fenster den Abend zu erleben:
einzelne Maikäfer
surren gegen die Rosenspaliere und knallen
wieder zurück
ins Ungenaue, taumelnd (ich weiß nicht, was sie so

blindlings wider die Mauer anrennen läßt, was
sie sich dort
erwarten?) dann wirds immer stiller.
Am ersten Abend
kam eine Amsel; saß erst unten auf dem Dach des
Weinlaubengangs,
sang tief und versonnen. 
Plötzlich kamsie zu einer
Stelle des Lieds, die von höherem Platze aus
ge
sprochen werden
mußte und in erst flachem dann rasch,
steil
ansteigendem Bogen warf sie sich rechts hinauf bis 
auf die äußerste
Spitze der Tanne und rief von dort, der 
Reihe nach, 
was
noch zu rufen war:
jedesmal klangs, als 
packte sie bei
ihrem langen Ende eine Liedschleife und zöge
sie auf, löste
sie —.
Rainer Maria Rilke

Aus: Aus einem Brief an Nanny Wunderly-Volkart, 16.5.1921





„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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