Rosengedichte

Rainer Maria Rilke


Paula Moderson Becker
Die Bildhauerin Clara Rilke Westhoff. 1905


Requiem
Clara Westhoff gewidmet
Seit
einer Stunde ist um ein Ding mehr 
auf
Erden. Mehr um einen Kranz. 
Vor
einer Weile war das leichtes Laub… Ich wands: 
Und
jetzt ist dieser Efeu seltsam schwer 
und
so von Dunkel voll, als tränke er 
aus
meinen Dingen zukünftige Nächte. 
Jetzt
graut mir fast vor dieser nächsten Nacht, 
allein
mit diesem Kranz, den ich gemacht, 
nicht
ahnend, dass da etwas wird, 
wenn
sich die Ranken ründen um den Reifen; 
ganz
nur bedürftig, dieses zu begreifen: 
dass etwas nichtmehr sein kann. Wie
verirrt 
in
nie betretene Gedanken, darinnen wunderliche Dinge stehn, 
die
ich schon einmal gesehen haben muss… 
….
Flussabwärts treiben die Blumen, welche die 
Kinder
gerissen haben im Spiel; aus den offenen 
Fingern
fiel eine und eine, bis dass der Strauß nicht 
mehr
zu erkennen war. Bis der Rest, den sie nachhaus 
gebracht,
gerade gut zum Verbrennen war. Dann 
konnte
man ja die ganze Nacht, wenn einen alle 
schlafen
meinen, um die gebrochenen Blumen weinen. 
Gretel,
von allem Anbeginn 
war
dir bestimmt, sehr zeitig zu sterben, 
blond
zu sterben. 
Lange
schon, eh dir zu leben bestimmt war. 
Darum
stellte der Herr eine Schwester vor dich 
und
dann einen Bruder, 
damit
vor dir wären zwei Nahe, zwei Reine, 
welche
das Sterben dir zeigten, 
das
deine: 
dein
Sterben. 
Deine
Geschwister wurden erfunden. 
nur,
damit du dich dran gewöhntest, 
und
dich an zweien Sterbestunden 
mit
der dritten versöhntest, 
die
dir seit Jahrtausenden droht. 
Für
deinen Tod 
sind
Leben erstanden; 
Hände,
welche Blüten banden, 
Blicke,
welche die Rosen rot 
und
die Menschen mächtig empfanden, 
hat
man gebildet und wieder vernichtet 
und
hat zweimal das Sterben gedichtet
eh
es, gegen dich selbst gerichtet, 
aus
der verloschenen Bühne trat. 

Nahte es dir schrecklich, geliebte Gespielin? 
war
es dein Feind? 
Hast
du dich ihm ans Herz geweint? 
Hat
es dich aus den heißen Kissen 
in
die flackernde Nacht gerissen, 
in
der niemand schlief im ganzen Haus…? 
Wie
sah es aus? 
Du
musst es wissen. 
Du
bist dazu in die Heimat gereist. 
– –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – 
Du
weißt 
wie
die Mandeln blühn 
und
dass Seeen blau sind. 
Viele
Dinge, die nur im Gefühle der Frau sind 
welche
die erste Liebe erfuhr, – 
weißt
du. Dir flüsterte die Natur 
in
des Südens spätdämmernden Tagen 
so
unendliche Schönheit ein, 
wie
sonst nur selige Lippen sie sagen 
seliger
Menschen, die zu zwein 
eine Welt haben und eine Stimme – 
leiser
hast du das alles gespürt, – 
(o
wie hat das unendlich Grimme 
deine
unendliche Demut berührt). 
Deine
Briefe kamen von Süden, 
warm
noch von Sonne, aber verwaist, – 
endlich
bist du selbst deinen müden 
bittenden
Briefen nachgereist; 
denn
du warst nicht gerne im Glanze, 
jede
Farbe lag auf dir wie Schuld, 
und
du lebtest in Ungeduld, 
denn
du wusstest: das ist nicht das Ganze
Leben
ist nur ein Teil……… Wovon? 
Leben
ist nur ein Ton……… Worin? 
Leben
hat Sinn nur, verbunden mit vielen 
Kreisen
des weithin wachsenden Raumes, – 
Leben
ist so nur der Traum eines Traumes, 
aber
Wachsein ist anderswo. 
So
ließest du’s los. 
Groß
ließest du’s los. 
Und
wir kannten dich klein. 
Dein
war so wenig: ein Lächeln, ein kleines, 
ein
bisschen melancholisch schon immer, 
sehr
sanftes Haar und ein kleines Zimmer, 
das
dir seit dem Tode der Schwester weitwar. 
Als
ob alles andere nur dein Kleid war 
so
scheint es mir jetzt, du stilles Gespiel. 
Aber sehr viel
warst du. Und wir wusstens manchmal, 
wenn
du am Abend kamst in den Saal; 
wussten
manchmal: jetzt müsste man beten; 
eine
Menge ist eingetreten, 
eine
Menge, welche dir nachgeht, 
weil
du den Weg weißt. 
Und
du hast ihn wissen gemusst 
und
hast ihn gewusst gestern… 
jüngste
der Schwestern. 
Sieh
her, 
dieser
Kranz ist so schwer. 
Und
sie werden ihn auf dich legen, 
diesen
schweren Kranz. 
Kanns
dein Sarg aushalten? 
Wenn
er bricht 
unter
dem schwarzen Gewicht, 
kriecht
in die Falten 
von
deinem Kleid 
Efeu. 
Weit
rankt er hinauf, 
rings
rankt er dich um, 
und
der Saft, der sich in seinen Ranken bewegt, 
regt
dich auf mit seinem Geräusch; 
so
keusch bist du. 
Aber
du bist nichtmehr zu. 
Langgedehnt
bist du und laß. 
Deines
Leibes Türen sind angelehnt, 
und
nass 
tritt
der Efeu ein… 
– –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – 
wie Reihn 
von Nonnen, 
die sich führen 
an schwarzem Seil, 
weil es dunkel ist in dir, du Bronnen. 
In den leeren Gängen 
deines Blutes drängen sie zu deinem Herzen; 
wo sonst deine sanften Schmerzen 
sich begegneten mit bleichen 
Freuden und Erinnerungen, – 
wandeln sie, wie im Gebet, 
in das Herz, das, ganz verklungen, 
dunkel, allen offen steht. 
Aber
dieser Kranz ist schwer 
mir
im Licht, 
nur
unter Lebenden, hier bei mir; 
und
sein Gewicht 
ist
nicht mehr 
wenn
ich ihn, zu dir legen werde. 
Die Erde ist voller Gleichgewicht, 
Deine Erde
Er
ist schwer von meinen Augen, die daran hängen, 
schwer
von den Gängen, 
die
ich um ihn getan; 
Ängste
aller, welche ihn sahn, 
haften
daran. 
Nimm
ihn zu dir, denn er ist dein 
seit
er ganz fertig ist. 
Nimm
ihn von mir. 
Lass
mich allein! Er ist wie ein Gast… 
fast
schäm ich mich seiner. 
Hast
du auch Furcht, Gretel? 
Du
kannst nicht mehr gehn? 
Kannst
nicht mehr bei mir in der Stube stehn? 
Tun
dir die Füße weh? 
So
bleib wo jetzt alle beisammen sind, 
man
wird ihn dir morgen bringen, mein Kind, 
durch
die entlaubte Allee. 
Man
wird ihn dir bringen, warte getrost, – 
man
bringt dir morgen noch mehr. 
Wenn
es auch morgen tobt und tost, 
das
schadet den Blumen nicht sehr. 
Man
wird sie dir bringen. Du hast das Recht, 
sie
sicher zu haben, mein Kind, 
und
wenn sie auch morgen schwarz und schlecht 
und
lange vergangen sind. 
Sei
deshalb nicht bange. Du wirst nicht mehr 
unterscheiden,
was steigt oder sinkt; 
die
Farben sind zu und die Töne sind leer, 
und
du wirst auch gar nicht mehr wissen, wer 
dir
alle die Blumen bringt. 
Jetzt
weißt du das Andre, das uns
verstößt, 
so
oft wir’s im Dunkel erfasst; 
von
dem, was du sehntest, bist du
erlöst 
zu
etwas, was du hast
Unter
uns warst du von kleiner Gestalt, 
vielleicht
bist du jetzt ein erwachsener Wald 
mit
Winden und Stimmen im Laub. – 
Glaub
mir, Gespiel, dir geschah nicht Gewalt: 
Dein Tod war schon alt, 
alt dein Leben begann; 
drum griff er es an, 
damit es ihn nicht überlebte.
…………………… 
Schwebte
etwas um mich? 
Trat
Nachtwind herein? 
Ich
bebte nicht. 
Ich
bin stark und allein. – 
Was
hab ich heute geschafft? 
….Efeulaub
holt ich am Abend und wands 
und
bog es zusammen, bis es ganz gehorchte. 
Noch
glänzt es mit schwarzem Glanz. 
Und
meine Kraft 
kreist
in dem Kranz. 
Rainer
Maria Rilke
20.11.1900, Berlin-Schmargendorf
Aus: Das Buch der Bilder.
Des zweiten Buches zweiter Teil.

Clara Rilke Westhoff

Bildhauerin und Malerin  1878 – 1954 ( Link )
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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