Rosengedichte

Rainer Maria Rilke



Paula Moderson-Becker
Selbstbildnis vor grünem Hintergrund mit blauer Iris, um 1905


Der Sänger singt vor einem Fürstenkind
Dem Andenken von Paula Becker-Modersohn
Du
blasses Kind, an jedem Abend soll 
der
Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen 
und
soll dir Sagen, die im Blute klingen, 
über
die Brücke seiner Stimme bringen 
und
eine Harfe, seiner Hände voll. 
Nicht
aus der Zeit ist, was er dir erzählt, 
gehoben
ist es wie aus Wandgeweben; 
solche
Gestalten hat es nie gegeben, – 
und
Niegewesenes nennt er das Leben. 
Und
heute hat er diesen Sang erwählt: 
Du
blondes Kind von Fürsten und aus Frauen, 
die
einsam warteten im weißen Saal, – 
fast
alle waren bang, dich aufzubauen, 
um
aus den Bildern einst auf dich zu schauen: 
auf
deine Augen mit den ernsten Brauen, 
auf
deine Hände, hell und schmal. 
Du
hast von ihnen Perlen und Türkisen, 
von
diesen Frauen, die in Bildern stehn 
als
stünden sie allein in Abendwiesen, – 
du
hast von ihnen Perlen und Türkisen 
und
Ringe mit verdunkelten Devisen 
und
Seiden, welche welke Düfte wehn. 
Du
trägst die Gemmen ihrer Gürtelbänder 
ans
hohe Fenster in den Glanz der Stunden, 
und
in die Seide sanfter Brautgewänder 
sind
deine kleinen Bücher eingebunden, 
und
drinnen hast du, mächtig über Länder, 
ganz
groß geschrieben und mit reichen, runden 
Buchstaben
deinen Namen vorgefunden. 
Und
alles ist, als wär es schon geschehn. 
Sie
haben so, als ob du nicht mehr kämst, 
an
alle Becher ihren Mund gesetzt, 
zu
allen Freuden ihr Gefühl gehetzt 
und
keinem Leide leidlos zugesehn; 
so
dass du jetzt 
stehst
und dich schämst. 

Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines, – 
der
Sänger kommt dir sagen, dass du bist. 
Und
dass du mehr bist als ein Traum des Haines, 
mehr
als die Seligkeit des Sonnenscheines, 
den
mancher graue Tag vergisst. 
Dein
Leben ist so unaussprechlich Deines, 
weil
es von vielen überladen ist. 
Empfindest
du, wie die Vergangenheiten 
leicht
werden, wenn du eine Weile lebst, 
wie
sie dich sanft auf Wunder vorbereiten, 
jedes
Gefühl mit Bildern dir begleiten, – 
und
nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten 
für
eine Geste, die du schön erhebst. – 
Das
ist der Sinn von allem, was einst war, 
dass
es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere, 
dass
es zu unserm Wesen wiederkehre, 
in
uns verwoben, tief und wunderbar: 
So
waren diese Frauen elfenbeinern, 
von
vielen Rosen rötlich angeschienen, 
so
dunkelten die müden Königsmienen, 
so
wurden fahle Fürstenmunde steinern 
und
unbewegt von Waisen und von Weinern, 
so
klangen Knaben an wie Violinen 
und
starben für der Frauen schweres Haar; 
so
gingen Jungfraun der Madonna dienen, 
denen
die Welt verworren war. 
So
wurden Lauten laut und Mandolinen, 
in
die ein Unbekannter größer griff, – 
in
warmen Samt verlief der Dolche Schliff, – 
Schicksale
bauten sich aus Glück und Glauben, 
Abschiede
schluchzten auf in Abendlauben, – 
und
über hundert schwarzen Eisenhauben 
schwankte
die Feldschlacht wie ein Schiff. 
So
wurden Städte langsam groß und fielen 
in
sich zurück wie Wellen eines Meeres, 
so
drängte sich zu hochbelohnten Zielen 
die
rasche Vogelkraft des Eisenspeeres, 
so
schmückten Kinder sich zu Gartenspielen, – 
und
so geschah Unwichtiges und Schweres, 
nur,
um für dieses tägliche Erleben 
dir
tausend große Gleichnisse zu geben, 
an
denen du gewaltig wachsen kannst. 
Vergangenheiten
sind dir eingepflanzt, 
um
sich aus dir, wie Gärten, zu erheben. 
Du
blasses Kind, du machst den Sänger reich 
mit
deinem Schicksal, das sich singen lässt: 
so
spiegelt sich ein großes Gartenfest 
mit
vielen Lichtern im erstaunten Teich. 
Im
dunklen Dichter wiederholt sich still 
ein
jedes Ding: ein Stern, ein Haus, ein Wald. 
Und
viele Dinge, die er feiern will, 
umstehen
deine rührende Gestalt. 
Rainer
Maria Rilke
3.10.1900, Worpswede
Aus: Das Buch der Bilder. Des zweiten Buches erster Teil.
Warum Rosengedichte, siehe:
Dass etwas
schwer ist, muss ein Grund mehr sein, es zu tun.


„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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