Rosengedichte

Rainer Maria Rilke


Claude Monet
Rosenbogen


O wo ist der, der aus Besitz und Zeit
O wo
ist der, der aus Besitz und Zeit 
zu
seiner großen Armut so erstarkte, 
dass
er die Kleider abtat auf dem Markte 
und
bar einherging vor des Bischofs Kleid. 
Der
Innigste und Liebendste von allen, 
der
kam und lebte wie ein junges Jahr; 
der
braune Bruder deiner Nachtigallen, 
in
dem ein Wundern und ein Wohlgefallen 
und
ein Entzücken an der Erde war. 
Denn
er war keiner von den immer Müdern, 
die
freudeloser werden nach und nach, 
mit
kleinen Blumen wie mit kleinen Brüdern 
ging
er den Wiesenrand entlang und sprach. 
Und
sprach von sich und wie er sich verwende 
so
dass es allem eine Freude sei; 
und
seines hellen Herzens war kein Ende, 
und
kein Geringes ging daran vorbei. 
Er
kam aus Licht zu immer tieferm Lichte, 
und
seine Zelle stand in Heiterkeit. 
Das
Lächeln wuchs auf seinem Angesichte 
und
hatte seine Kindheit und Geschichte 
und
wurde reif wie eine Mädchenzeit. 
Und
wenn er sang, so kehrte selbst das Gestern 
und
das Vergessene zurück und kam; 
und
eine Stille wurde in den Nestern, 
und
nur die Herzen schrieen in den Schwestern, 
die
er berührte wie ein Bräutigam. 
Dann
aber lösten seines Liedes Pollen 
sich
leise los aus seinem roten Mund 
und
trieben träumend zu den Liebevollen 
und
fielen in die offenen Corollen 
und
sanken langsam auf den Blütengrund. 
Und
sie empfingen ihn, den Makellosen, 
in
ihrem Leib, der ihre Seele war. 
Und
ihre Augen schlossen sich wie Rosen, 
und
voller Liebesnächte war ihr Haar. 
Und
ihn empfing das Große und Geringe. 
Zu
vielen Tieren kamen Cherubim 
zu
sagen, dass ihr Weibchen Früchte bringe, – 
und
waren wunderschöne Schmetterlinge: 
denn
ihn erkannten alle Dinge 
und
hatten Fruchtbarkeit aus ihm. 
Und
als er starb, so leicht wie ohne Namen, 
da
war er ausgeteilt: sein Samen rann 
in
Bächen, in den Bäumen sang sein Samen 
und
sah ihn ruhig aus den Blumen an. 
Er
lag und sang. Und als die Schwestern kamen, 
da
weinten sie um ihren lieben Mann. 
Rainer
Maria Rilke
19. und 20.4.1903, Viareggio
Aus: Nachlass,
Vollendetes

Rosengedichte, siehe hier:
Rosengedichte im Rosenmonat Juni ] !

„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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