Rosengedichte

Rainer Maria Rilke



La Rose.


Der Ast vom Baume Gott
Der
Ast vom Baume Gott, der über Italien reicht, 
hat schon geblüht. 
Er
hätte vielleicht 
sich
schon gerne, mit Früchten gefüllt, verfrüht, 
doch
er wurde mitten im Blühen müd, 
und
er wird keine Früchte haben. 
Nur
der Frühling Gottes war dort, 
nur
sein Sohn, das Wort, 
vollendete
sich. 
Es
wendete sich 
alle
Kraft zu dem strahlenden Knaben. 
Alle
kamen mit Gaben 
zu
ihm; 
alle
sangen wie Cherubim 
seinen
Preis. 
Und
er duftete leis 
als
Rose der Rosen
Er
war ein Kreis 
um
die Heimatlosen. 
Er
ging in Mänteln und Metamorphosen 
durch
alle steigenden Stimmen der Zeit. 

Rainer
Maria Rilke

26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Aus: Das Stundenbuch. Gelegt in die Hände von Lou.
Buch vom Mönchischen Leben.

Der Schutzengel
Du
bist der Vogel, dessen Flügel kamen, 
wenn
ich erwachte in der Nacht und rief. 
Nur
mit den Armen rief ich, denn dein Namen 
ist
wie ein Abgrund, tausend Nächte tief. 
Du
bist der Schatten, drin ich still entschlief, 
und
jeden Traum ersinnt in mir dein Samen, – 
du
bist das Bild, ich aber bin der Rahmen, 
der
dich ergänzt in glänzendem Relief. 
Wie
nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen. 
Du
bist der Anfang, der sich groß ergießt, 
ich
bin das langsame und bange Amen, 
das
deine Schönheit scheu beschließt. 
Du
hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen, 
wenn
mir das Schlafen wie ein Grab erschien 
und
wie Verlorengehen und Entfliehn, – 
da
hobst du mich aus Herzensfinsternissen 
und
wolltest mich auf allen Türmen hissen 
wie
Scharlachfahnen und wie Draperien. 
Du:
der von Wundern redet wie vom Wissen 
und
von den Menschen wie von Melodien 
und
von den Rosen: von Ereignissen, 
die
flammend sich in deinem Blick vollziehn, – 
du
Seliger, wann nennst du einmal Ihn, 
aus
dessen siebentem und letztem Tage 
noch
immer Glanz auf deinem Flügelschlage 
verloren
liegt….
Befiehlst
du, dass ich frage? 

Rainer
Maria Rilke
24.7.1899, Berlin-Schmargendorf

Aus: Das Buch der Bilder. Des ersten Buches erster Teil.

Rosengedichte, siehe hier:
Rosengedichte im Rosenmonat Juni ] !

„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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