Der Abenteuerer ….

Rainer Maria Rilke


Der Abenteuerer
 
       
I
Wenn
er unter jene welche waren 
trat:
der Plötzliche, der schien
war
ein Glanz wie von Gefahren 
in
dem ausgesparten Raum um ihn, 
den
er lächelnd überschritt, um einer 
Herzogin
den Fächer aufzuheben: 
diesen
warmen Fächer, den er eben 
wollte
fallen sehen. Und wenn keiner 
mit
ihm eintrat in die Fensternische 
(wo
die Parke gleich ins Träumerische 
stiegen,
wenn er nur nach ihnen wies), 
ging
er lässig an die Kartentische 
und
gewann. Und unterließ 
nicht,
die Blicke alle zu behalten, 
die
ihn zweifelnd oder zärtlich trafen, 
und
auch die in Spiegel fielen, galten. 
Er
beschloss, auch heute nicht zu schlafen 
wie
die letzte lange Nacht, und bog 
einen
Blick mit seinem rücksichtslosen 
welcher
war: als hätte er von Rosen 
Kinder,
die man irgendwo erzog. 
 
         
II
In
den Tagen – (nein, es waren keine), 
da
die Flut sein unterstes Verlies 
ihm
bestritt, als wär es nicht das seine, 
und
ihn, steigend, an die Steine 
der
daran gewöhnten Wölbung stieß, 
fiel
ihm plötzlich einer von den Namen 
wieder
ein, die er vor Zeiten trug. 
Und
er wusste wieder: Leben kamen, 
wenn
er lockte; wie im Flug 
kamen
sie noch warme Leben Toter, 
die
er, ungeduldiger, bedrohter, 
weiterlebte
mitten drin; 
oder
die nicht ausgelebten Leben. 
und
er wusste sie hinaufzuheben, 
und
sie hatten wieder Sinn. 
Oft
war keine Stelle an ihm sicher, 
und
er zitterte: Ich bin – – – 
doch
im nächsten Augenblicke glich er 
dem
Geliebten einer Königin. 
Immer
wieder war ein Sein zu haben: 
die
Geschicke angefangner Knaben, 
die,
als hätte man sie nicht gewagt, 
abgebrochen
waren, abgesagt, 
nahm
er auf und riss sie in sich hin; 
denn
er musste einmal nur die Gruft 
solcher
Aufgegebener durchschreiten, 
und
die Düfte ihrer Möglichkeiten 
lagen
wieder in der Luft. 
Rainer
Maria Rilke
I: 5.9.1907 und Frühsommer 1908, 
II: 22.8.-5.9.1907, Paris
Aus: Der neuen
Gedichte anderer Teil

A mon grand Ami
Auguste Rodin.
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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