Dame vor dem Spiegel

Rainer Maria Rilke



Federico Zandomeneghi 
(Italien, 1841-1917), Die Perle.

Dame
vor dem Spiegel
Blasse Dame vor
den blinden Tiefen
trüber Spiegel,
drin berühmtes Haar
welk wird wie
die Bänder in den Siegeln
an den alten
königlichen Briefen
drinnen längst
gekränkten Ländern Güte,
Glück und
Künftigkeit versprochen war.
Müde Dame in dem
Peignoir
aus mit
Einstigem verdünnter Seide
der die Spiegel
viel zu Leide tun.
Süße Dame mit
den Seidenschuhn
deren Augen auf
der Augenweide
in den blinden
Spiegeln traurig ruhn,
kaum gewahrend,
daß die filigranen
Finger an dem
nicht mehr aufgetanen
Ohr das lange
Perlenohrgehänge
hoffnungslos
versuchen -. Große Dame
die, in Würde
diese Übergänge
abzuwarten, sich
dem trüben Glase
grauer Spiegel
überläßt, in denen
Tränen stehen,
und in die sich lahme
welke Rosen aus
der Sèvres-Vase,
starre staubige,
hinübersehnen.
Rainer Maria Rilke
Paris, Anfang
August 1907
Aus : Gedichte,
Nachlass, Entwürfe.
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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