Der kleine Tod

Rainer Maria Rilke


Der kleine Tod
Ich
kann nicht glauben, dass der kleine Tod, 
dem
wir doch täglich übern Scheitel schauen, 
uns
eine Sorge bleibt und eine Not. 
Ich
kann nicht glauben, dass er ernsthaft droht; 
ich
lebe noch, ich habe Zeit zu bauen: 
mein
Blut ist länger als die Rosen rot. 
Mein
Sinn ist tiefer als das witzige Spiel 
mit
unsrer Furcht, darin er sich gefällt. 
Ich
bin die Welt, 
aus
der er irrend fiel. 
      
Wie er 
kreisende
Mönche wandern so umher; 
man
fürchtet sich vor ihrer Wiederkehr, 
man
weiß nicht: ist es jedesmal derselbe, 
sinds
zwei, sinds zehn, sinds tausend oder mehr? 
Man
kennt nur diese fremde gelbe Hand, 
die
sich ausstreckt so nackt und nah – 
da
da: 
als
käm sie aus dem eigenen Gewand. 

Rainer
Maria Rilke
26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Aus: Das Stundenbuch 

Gelegt
in die Hände von Lou – Das Buch vom mönchischen Leben 
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.

RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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