LIEBEN

Rainer Maria Rilke : Erste Gedichte

Fortsetzung  vom letzten Post ….

Liebe
Lieben



Lieben



VII
Blondköpfchen
hinter den Scheiben
hebt es
sich ab so fein, –
sternt es
ins Stäubchentreiben
oder zu
mir herein?
Ist es das
Köpfchen, das liebe,
das mich
gefesselt hält,
oder das
Stäubchengetriebe
dort in
der sonnigen Welt?
Keins
sieht zum andern hinüber.
Heimlich,
die Stirne voll Ruh
schreitet
der Abend vorüber …
Und wir?
Wir sehn ihm halt zu. –
VIII
Die Liese
wird heute just sechzehn Jahr.
Sie findet
im Klee einen Vierling …
Fern
drängt sichs wie eine Bubenschar:
Die
Löwenzähne mit blondem Haar
betreut
vom sternigen Schierling.
Dort hockt
hinterm Schierling der Riesenpan,
der
strotzige, lose Geselle.
Jetzt
sieht er verstohlen die Liese nahn
und lacht
und wälzt durch den Wiesenplan
des Windes
wallende Welle …
IX
Ich träume
tief im Weingerank
mit meiner
blonden Kleinen;
es bebt
ihr Händchen, elfenschlank,
im heißen
Zwang der meinen.
So wie ein
gelbes Eichhorn huscht
das Licht
hin im Reflexe,
und
violetter Schatten tuscht
ins weiße
Kleid ihr Kleckse.
In unsrer
Brust liegt glückverschneit
goldsonniges
Verstummen.
Da kommt
in seinem Sammetkleid
ein Hummel
Segen summen …
X
Es ist ein
Weltmeer voller Lichte,
das der
Geliebten Aug umschließt,
wenn von
der Flut der Traumgesichte
die
keusche Seele überfließt.
Dann beb
ich vor der Wucht des Schimmers
so wie ein
Kind, das stockt im Lauf,
geht vor
der Pracht des Christbaumzimmers
die
Flügeltüre lautlos auf.
XI
Ich war
noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß:
Heut kommt
Base Olga zu Gaste.
Dann sah
ich dich nahn auf dem schimmernden Kies,
ins
Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.
Bei Tisch
saß man später nach Ordnung und Rang
und
frischte sich mäßig die Kehle;
und wie
mein Glas an das deine klang,
da ging
mir ein Riß durch die Seele.
Ich sah
dir erstaunt ins Gesicht und vergaß
mich dem
Plaudern der andern zu einen,
denn tief
im trockenen Halse saß
mir
würgend ein wimmerndes Weinen.
Wir gingen
im Parke. – Du sprachst vom Glück
und
küßtest die Lippen mir lange,
und ich
gab dir fiebernde Küsse zurück
auf die
Stirne, den Mund und die Wange.
Und da
machtest du leise die Augen zu,
die Wonne
blind zu ergründen ….
Und mir
ahnte im Herzen: Da wärest du
am
liebsten gestorben in Sünden ….

XII
Die Nacht
im Silberfunkenkleid
streut
Träume eine Handvoll,
die füllen
mir mit Trunkenheit
die tiefe
Seele randvoll.
Wie Kinder
eine Weihnacht sehn
voll Glanz
und goldnen Nüssen, –
seh ich
dich durch die Mainacht gehn
und alle
Blumen küssen.
XIII
Schon
starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,
und unter
Farren bluteten Zyklamen,
die hohen
Tannen glühten, Schaft bei Schaft,
es war ein
Wind, – und schwere Düfte kamen.
Du warst
von unserm weiten Weg erschlafft,
ich sagte
leise deinen süßen Namen:
Da bohrte
sich mit wonnewilder Kraft
aus deines
Herzens weißem Liliensamen
die
Feuerlilie der Leidenschaft.
Rot war
der Abend – und dein Mund so rot,
wie meine
Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden,
und jene
Flammen, die uns jäh durchloht,
sie
leckten an den neidischen Gewanden …
Der Wald
war stille, und der Tag war tot.
Uns aber
war der Heiland auferstanden,
und mit
dem Tage starben Neid und Not.
Der Mond
kam groß an unsern Hügeln landen,
und leise
stieg das Glück aus weißem Boot.

RAINER
MARIA RILKE

Aus:
Erste Gedichte, Lieben.
Weiter
geht’s im nächsten Post!
30
07
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.


RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

from Blogger http://ift.tt/2a6F881
via IFTTT

Advertisements