LIEBEN

Rainer Maria Rilke : Erste Gedichte

XIV
Es
leuchteten im Garten die Syringen,
von einem
Ave war der Abend voll, –
da war es,
daß wir voneinander gingen
in Gram
und Groll.
Die Sonne
war in heißen Fieberträumen
gestorben
hinter grauen Hängen weit,
und jetzt
verglomm auch hinter Blütenbäumen
dein
weißes Kleid.
Ich sah
den Schimmer nach und nach vergehen
und bangte
bebend wie ein furchtsam Kind,
das lange
in ein helles Licht gesehen:
Bin ich
jetzt blind? –
XV
Oft
scheinst du mir ein Kind, ein kleines, –
dann fühl
ich mich so ernst und alt, –
wenn nur
ganz leis dein glockenreines
Gelächter
in mir widerhallt.
Wenn dann
in großem Kinderstaunen
dein Auge
aufgeht, tief und heiß, –
möcht ich
dich küssen und dir raunen
die
schönsten Märchen, die ich weiß.
XVI
Nach einem
Glück ist meine Seele lüstern,
nach einem
kurzen, dummen Wunderwahn …
Im
Quellenquirlen und im Föhrenflüstern
da hör
ichs nahn …
Und wenn
von Hügeln, die sich purpurn säumen,
in bleiche
Bläue schwimmt der Silberkahn, –
dann unter
schattenschweren Blütenbäumen
seh ich es
nahn.
In weißem
Kleid; so wie das Lieb, das tote,
am Sonntag
mit mir ging durch Staub und Strauch,
am Herzen
jene Blume nur, die rote,
trug es
die auch? …
XVII
Wir gingen
unter herbstlich bunten Buchen,
vom
Abschiedsweh die Augen Beide rot …
„Mein
Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen.“
Ich sagte
bang: „Die sind schon tot.“
Mein Wort
war lauter Weinen. – In den Äthern
stand
kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.
Der matte
Tag ging sterbend zu den Vätern,
und eine
Dohle schrie von fern. –

XVIII
Im
Frühling oder im Traume
bin ich
dir begegnet, einst,
und jetzt
gehn wir zusamm durch den Herbsttag,
und du
drückst mir die Hand und weinst.
Weinst du
ob der jagenden Wolken?
Ob der
blutroten Blätter? Kaum.
Ich fühl
es: Du warst einmal glücklich
im
Frühling oder im Traum …
XIX
Sie hatte
keinerlei Geschichte,
ereignislos
ging Jahr um Jahr –
auf einmal
kams mit lauter Lichte …
Die Liebe
oder was das war.
Dann
plötzlich sah sies bang zerrinnen,
da liegt
ein Teich vor ihrem Haus …
So wie ein
Traum scheints zu beginnen,
und wie
ein Schicksal geht es aus.
XX
Man
merkte: Der Herbst kam. Der Tag war schnell
erstorben
im eigenen Blute.
Im
Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell
auf der
Kleinen verbogenem Hute.
Mit ihrem
zerschlissenen Handschuh strich
sie die
Hand mir schmeichelnd und leise. –
Kein
Mensch in der Gasse als sie und ich …
Und sie
bangte: Du reisest? „Ich reise.“
Da stand
sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot
in den
Stoff meines Mantels vergrabend …
Vom
Hütchen nickte die Rose rot,
und es
lächelte müde der Abend.
XXI
Manchmal
da ist mir: Nach Gram und Müh
will mich
das Schicksal noch segnen,
wenn mir
in feiernder Sonntagsfrüh
lachende
Mädchen begegnen …
Lachen hör
ich sie gerne.
Lange dann
liegt mir das Lachen im Ohr,
nie kann
ichs, wähn ich, vergessen …
Wenn sich
der Tag hinterm Hange verlor,
will ich
mirs singen … Indessen
singens
schon oben die Sterne …
XXII
Es ist
lang, – es ist lang …
Wann –
weiß ich gar nimmer zu sagen …
Eine
Glocke klang, eine Lerche sang –
und ein
Herz hat so selig geschlagen.
Der Himmel
so blank überm Jungwaldhang,
der
Flieder hat Blüten getragen, –
und im
Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,
das Auge
voll staunender Fragen …

Es ist
lang, – es ist lang …

Rainer Maria Rilke





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ERSTE GEDICHTE
von Rainer Maria Rilke






LIEBEN – Aus: Erste Gedichte, Lieben
„Vergessen
Sie nie, das Leben ist eine Herrlichkeit!“ 

Editorische Notiz : Betrifft Rechtschreibung: 

Die Texte von Rainer Maria Rilke
werden nicht im Format der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergegeben,
sondern im Originalformat von Rainer Maria Rilke.

Dieser Blog folgt dem Originaltext.


RAINER MARIA RILKE . 1875 – 1926

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